Berliner Zeitung - Sabine Nöbel
Dass Sie auch für Frauen zuständig sind, löste zunächst Verblüffung aus. Sind Frauen ein Randthema oder gibt es Berührungspunkte zur Wirtschaft? Und: Fühlen Sie sich manchmal bei Veranstaltungen wie der Hahn im Korbe? Leider bin ich in Wirtschaftsversammlungen mit bis zu 90 Prozent Männern alles andere als der Hahn im Korb. Da treffe ich manchmal auf Verwunderung, auch für die Gleichstellung von Frauen zuständig zu sein. Doch gerade als Wirtschaftssenator kann ich eine Menge tun für Chancengleichheit. Wir wollen Frauen in allen Bereichen bessere Möglichkeiten eröffnen – das reicht von besseren Chancen auf Führungspositionen über den Kampf gegen prekäre Arbeitsbedingungen alleinerziehender Mütter durch existenzsichernde Einkommen und einen Mindestlohn bis hin zu besseren Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Dass ich als Mann für das Amt des Frauensenators weniger geeignet sein könnte, gehört zu jenen Rollenklischees, die bisher Frauen die Fähigkeit absprachen, in vermeintlichen Männerberufen erfolgreich zu sein.
Das Verhältnis von Frauen und Männern ist bei den Berliner Senatoren ziemlich ausgeglichen. Aber mehr einflussreiche – und sicher auch die besser bezahlten? – Gebiete betreuen Männer. Täuscht das?
Diese Vermutung ist falsch. Die Gehälter für Senatorinnen und Senatoren sind einheitlich. Folgende Berliner Senatsressorts liegen in Frauenhand: Arbeit, Gesundheit, Integration, Justiz, Soziales, Stadtentwicklung, Umwelt, Verbraucherschutz. Das sind sehr einflussreiche Bereiche, die eine große Gestaltungsmacht in der Berliner Politik ermöglichen.
Könnten Sie in wenigen Sätzen den Masterplan zur Umsetzung des Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramms 2008-11 erklären? Die zentralen Herausforderungen der Berliner Politik werden mit gleichstellungspolitischen Zielen verknüpft. Das sind die Bereiche Bildung, existenzsichernde Beschäftigung, Demografie, soziale Gerechtigkeit und Integration. Ein gutes Beispiel ist die Integrationspolitik: Wir wollen bessere Bildungschancen für Frauen und Mütter mit Migrationshintergrund. Das ist die entscheidende Voraussetzung für ökonomische Eigenständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Mithilfe des Instruments Gender Mainstreaming ermitteln wir bei politischen Analysen, Strategien, Programmen und Maßnahmen systematisch, ob unterschiedliche Belange von Frauen und Männern zu berücksichtigen sind. Gender Budgeting fragt nach der Verteilung öffentlicher Mittel für Männer und Frauen.
37 Prozent der Firmengründungen in Berlin geschehen durch Frauen. Sind sie risikobewusster und weniger beratungsresistent, wie es oft heißt? Zwar kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass Frauen, wenn sie über genau so viel Geld verfügen würden wie Männer, ähnlich risikofreudig wären. Unsere Erfahrung ist allerdings: Frauen gründen zurückhaltender, risikobewusster, weniger beratungsresistent. Daher gehen Frauen weniger in Konkurs. Frauen brauchen in der Regel nur wenig Fremdgeld, um in die Selbständigkeit zu starten. Oft wird auch aus der Not eine Tugend gemacht. Da Frauen oft keine eigenen Sicherheiten bieten können, sind die Banken bei ihnen als Kreditnehmerinnen zurückhaltend. Hier haben wir im Übrigen durch das Mikrokreditprogramm bei der IBB Erfolge: Von den mit Mikrokrediten aus dem KMU-Fonds 2009 finanzierten Existenzgründungen beträgt der Anteil der Frauen 63 %. Wir wissen auch aus Statistiken der öffentlich finanzierten Beratungseinrichtungen, dass es weitaus mehr Frauen als Männer sind, die Beratungsleistungen in Anspruch nehmen. Das trägt sicher dazu bei, ein Unternehmen auch durch krisenhafte Perioden erfolgreich zu führen.
Jetzt wird zum 10. Mal der Girls’Day veranstaltet. Hat sich in den letzten Jahren etwas bei Angeboten und Wahrnehmen von früher als unweiblich geltenden Berufen getan? Vermeintliche „Männerberufe“ sind bloße Klischees, die dank des Girls’ Day zunehmend aus den Köpfen verschwinden. Das Interesse der Schülerinnen an Berufen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik wächst: 2009 haben in Berlin 11 % der Schülerinnen aus den 5. bis 10. Jahrgangsstufen an einer Veranstaltung des Girls' Day teilgenommen – in den letzten Jahren waren es insgesamt rund 60.000. Der Girls' Day ist zur größten und vielfältigsten Berufsorientierungsinitiative für Mädchen in Deutschland geworden. Mit über 21.000 Studienanfängerinnen in den Ingenieurwissenschaften begannen 2008 so viele Frauen wie noch nie ein Technikstudium – in Berlin waren im Wintersemester 08/09 24 % der Ing. wissenschaft Studierenden weiblich. 16 % der Unternehmen und Betriebe gaben an, dass sich Mädchen, die bei ihnen im Vorjahr am Girls' Day teilgenommen hatten, inzwischen um Praktikums- oder Ausbildungsplätze in technischen, handwerklichen oder IT-Berufen beworben haben. 66 % der jungen Mädchen widersprechen der Aussage „Technische Berufe sind langweilig“, 60 % gehen von guten Arbeitsmarktchancen aus. Aber bislang sind nur 38 % die guten Verdienstmöglichkeiten bewusst.
Leben in Berlin mehr Alleinerziehende als anderswo? Wie steht es hier mit Kinderbetreuungsangeboten? Berlin ist das Bundesland mit dem höchsten Anteil Alleinerziehender an den Familien mit Kindern, 2008 waren es mehr als ein Drittel (Bundesdurchschnitt bei 18 %). Von den 102.600 Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern in Berlin sind etwa 90 % Frauen. Berlin verfügt bundesweit über eines der besten Kinderbetreuungsangebote, vor allem, wenn es um die normalen, regulären Öffnungszeiten für die klassische „9 bis 17-Uhr“-Arbeitsstelle geht. Schon für 2-Jährige gibt es hier bedarfsunabhängig einen Anspruch auf einen Halbtagsplatz. Er kann auch über einen Halbtagsplatz hinaus gehen, wenn ein Bedarf wegen Ausbildung, Arbeitssuche, Erwerbstätigkeit oder besonderer familiärer Verhältnisse nachgewiesen wird. Auch die Betreuung in der Schule ist im deutschen Vergleich sehr gut und wird weiter verbessert .Alle Grundschulen bieten sie als offene Ganztagsschulen bis zum Ende der Grundschulzeit. Mit der Reform der Sekundarschulen werden auch die Integrierten Sekundar- zu Ganztagsschulen. Wir brauchen mehr Angebote an zeitlich flexibler Kinderbetreuung. Problematisch wird es, wenn Beruf, Schichtdienst oder Ausbildung sich regelmäßig in die Abendstunden oder ins Wochenende ziehen.
Die Endung "-Innen" bei Begriffen, die früher für Mann und Frau standen, raubt Platz und ist der Gleichberechtigung kaum dienlich. Wer drängt zu diesen Formulierungen? In wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, dass die Verwendung der männlichen Form symbolisch wie faktisch zur Benachteiligung von Frauen führt. Werden „Experten“ für ein Gremium gesucht, werden weniger Frauen genannt, als wenn nach Expertinnen und Experten gefragt wird. Das traditionelle Mitgemeintsein von Frauen führt zu handfester Benachteiligung. Deshalb ist mir auch eine sprachliche Gleichbehandlung von Frauen sehr wichtig. Denn auch Sprache kann Ungerechtigkeiten und klischeehafte Rollenbilder zementieren. Wenn sich in den Köpfen etwas ändern soll, müssen wir mit den Begriffen beginnen.