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Harald Wolf (Die Linke), Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen

Foto von Harald Wolf

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20.11.2009

"Beste Perspektiven und begeisterungsfähige Menschen"

Peter Kirnich
Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf und IHK-Präsident Eric Schweitzer über Gründer-Mut, bürokratische Hürden, Lohndumping und die Renaissance der Industrie

Herr Wolf, Herr Schweitzer, der griechische Philosoph Demokrit hat gesagt, Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende. Was ist für Sie Mut?

HARALD WOLF: Mut heißt, sich ambitionierte Ziele zu setzen, sich und anderen etwas zuzutrauen und das Risiko einzugehen zu scheitern. Aber die Risiken müssen vernünftig kalkuliert sein. Mut ist kein Abenteurertum.

ERIC SCHWEITZER: Mut heißt, neue Dinge zu tun, keine eingetretenen Pfade zu gehen. Mut heißt, neugierig zu sein und sich mit Dingen zu beschäftigen, die man nicht tagtäglich tut. Als Unternehmer muss man per se mutig sein, sonst wäre man ein Unterlasser.

Wenn Sie heute eine Existenz gründen würden, wo würden Sie das tun?

WOLF: Selbstverständlich in Berlin, weil wir ein hervorragendes Gründungsklima und ein gutes Umfeld von Wissenschaft und Forschung haben.

SCHWEITZER: Klar würde auch ich in Berlin ein Unternehmen gründen. Die Stadt hat die besten Perspektiven. Sie setzt auf Zukunftssparten und hat ein riesiges innovatives Potenzial an jungen, begeisterungsfähigen Menschen.

Hat Berlin genug mutige Unternehmer?

WOLF: Bundesweit liegen wir an der Spitze beim Zuwachs der Erwerbstätigen, wir haben eine ausgesprochen hohe Zahl von Existenzgründungen. Also: Das Gründungsklima in der Stadt stimmt. Gerade auch was Ausgründungen aus Universitäten und Fachhochschulen angeht. Nehmen wir den Wissenschaftsstandort Adlershof: Der ist heute europaweit ein Vorzeigeprojekt mit 20 000 Arbeitsplätzen.

SCHWEITZER: Allein in der Branche der erneuerbaren Energien entstanden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 16 000 industrielle Arbeitsplätze, fast alle in Firmen, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab.

Was empfehlen Sie einem jungen Menschen, der eine Firma gründen will?

WOLF: Er braucht eine gute Geschäftsidee und einen ordentlichen Businessplan. Ich würde ihm auch raten, am Businessplan-Wettbewerb der Investitionsbank Berlin teilzunehmen. Das ist nicht nur ein Wettbewerb, sondern vor allem ein gutes Coaching.

SCHWEITZER: Er darf nicht primär den Anspruch haben, sich selbst zu versorgen. Er muss bereit sein, den ganzen Tag, die ganze Woche dafür einzustehen, und dafür kämpfen. Und er sollte die guten Angebote für Existenzgründer nutzen. Die gibt es auch in der IHK.

Warum zieht es die Konzerne nach Hamburg, München und in andere Großstädte, nur nicht nach Berlin?

WOLF: Einen Konzernsitz verlagern Sie nicht so schnell. Dass der Hauptsitz von Siemens in München und Erlangen ist, hängt mit der deutschen Teilung zusammen. Aber es tut sich was: 1990 hatten wir in Berlin gerade einmal den Hauptsitz eines großen Unternehmens, nämlich Schering. Heute sind die Deutsche Bahn hier, Coca Cola und Pfizer mit ihren Deutschlandzentralen, Sony Musik mit dem Europasitz, Bombardier mit der weltweiten Zentrale für Bahntechnik - um nur einige zu nennen.

SCHWEITZER: Sie werden keine Siemens AG und keine Deutsche Bank davon überzeugen, ihre Zentrale nach Berlin zu verlegen. Mit dem Unternehmenssitz hängen auch familiäre Bindungen der Mitarbeiter vor Ort zusammen. Aber wir haben die Chance, dass sich in neuen Märkten, in den Zukunftsbranchen Firmen etablieren und wachsen. Das Interesse gerade junger Leute an Berlin ist groß. Ich sehe das auch in meinem Unternehmen ...

... der Alba Group.

SCHWEITZER: Vor zehn Jahren hatten wir noch große Probleme, junge Führungskräfte nach Berlin zu holen, jetzt kommen sie gern.

Bekommen Unternehmer in Berlin die Hilfe, die sie brauchen? Manager kritisierten früher häufig, dass ihnen hier kein roter Teppich ausgelegt werde.

WOLF: Wenn Sie sich mit Unternehmern unterhalten, die sich in den letzten Jahren angesiedelt haben, hören Sie das Gegenteil. Früher kam es schon einmal vor, dass Unternehmer etliche Stellen anlaufen mussten, um alle bürokratischen Formalitäten zu erledigen. Durch die Fusion der Wirtschaftsförder-Institutionen werden die Firmen jetzt professionell begleitet. Das läuft viel zügiger.

SCHWEITZER: Aber wir haben noch nicht den optimalen Zustand erreicht. Oft reiben sich Unternehmer zwischen Senatsverwaltungen und Bezirken auf. Es fehlt ein Anlaufpunkt dazwischen, noch besser wäre eine einstufige Verwaltung.

Ist ihnen jeder Unternehmer recht, der sich hier ansiedeln will?

WOLF: Es gibt Unternehmen, auf die lege ich keinen besonderen Wert: Solche, die meinen, sich auf dem Markt durch Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen bewähren zu wollen. Deshalb setze ich mich für einen Mindestlohn ein.

SCHWEITZER: Wir brauchen jedes Unternehmen, das sich im legalen Bereich bewegt. In Berlin gibt es 240 000 Arbeitslose, viele davon sind gering oder gar nicht qualifiziert. Es muss auch Unternehmer geben, die diesen Menschen eine Perspektive geben. Das gelingt allerdings nicht mit zu hohen Löhnen.

WOLF: Ich teile nicht die Auffassung, dass Menschen, die angeblich weniger produktiv sind, keinen existenzsichernden Lohn bekommen können. Andere europäische Länder wie Großbritannien oder Frankreich zeigen, dass Mindestlöhne funktionieren, keine Arbeitsplätze vernichten. Im Gegenteil.

SCHWEITZER: Dennoch gilt auch für einfache Tätigkeiten, dem Lohn muss ein adäquater Ertrag gegenüberstehen, das ist das kleine wirtschaftliche Einmaleins.

Bei einem Vergleich der Industriejobs mit München oder Hamburg fehlen Berlin 90 000 Arbeitsplätze. Wie kann die Stadt das auf Dauer kompensieren?

WOLF: Auch eine moderne Wirtschaftsstruktur braucht Industrie. Wir können nicht davon leben, dass wir uns alle gegenseitig die Haare schneiden. Das ist in den Neunzigerjahren manchmal missverstanden worden. Inzwischen haben wir umgelenkt: 2008 ist die Zahl der Industriebeschäftigten erstmals seit 1990 wieder gestiegen. Derzeit erarbeiten wir einen Masterplan, der konkrete Schritte zur Stärkung der Berliner Industrie vorsieht.

SCHWEITZER: Wir müssen die Akquise verstärken, geeignete Flächen für die Industrie ausweisen und Wirtschaft und Wissenschaft enger verzahnen. Und es gilt, der Politik deutlich zu machen, was Industrie für die Stadt bedeutet. 90 000 Industrie-Jobs würden 270 000 weitere Arbeitsplätze bei Dienstleistern nach sich ziehen.

Wo gibt es Platz für die Industrie?

SCHWEITZER: Auf dem Gelände des Flughafens Tegel. Nach dessen Schließung 2012 werden über 400 Hektar frei. Davon könnte man 100 Hektar als Industriefläche nutzen und einen Wissenschafts- und Gewerbepark um diesen Kern herum entwickeln. Das könnte rund 30 000 Industriejobs bringen.

WOLF: Da gehen unsere Überlegungen in die gleiche Richtung.

Es gibt viele kreative Unternehmen in der Stadt. Glauben Sie, dass daraus einmal ein SAP, Bosch oder Siemens werden kann?

SCHWEITZER: Davon bin ich überzeugt. Das ist aber ein Prozess, der zehn bis fünfzehn Jahre dauern wird.

WOLF: Bei der Vielzahl junger, hochproduktiver Firmen wird sich die eine oder andere zu einem großen Unternehmen entwickeln.

Ein Gramm Unternehmergeist wiegt mehr als ein Kilo Bürokratie: Warum gelingt es nicht, den Bürokratie-Dschungel zu lichten?

WOLF: Bürokratie ist keine Berliner Erfindung. Der Großteil der bürokratischen Lasten sind nationale oder europäische Vorschriften. Aber das ist nicht die wirkliche Wachstumsbremse. Deutschland ist ein hoch regulierter Standort, dennoch sind wir Exportweltmeister.

SCHWEITZER: Es leuchtet mir nicht ein, warum es in Berlin eine zweistufige Verwaltung gibt. Das macht vieles kompliziert. Ich muss mich als Unternehmer darauf verlassen können, dass es überall in der Stadt eine einheitliche Verwaltungspraxis gibt. Das ist in Berlin nicht der Fall - unser größter Standortnachteil.

WOLF: Das eine ist Bürokratie im negativen Sinne, mit viel Papier, Ärmelschonern und umständlichen Wegen. Das andere sind sinnvolle Regeln, die festlegen, wie Markt und Wettbewerb funktionieren sollen.

SCHWEITZER: Bei der Regulierung der Finanzmärkte hat der Staat aber völlig versagt.

WOLF: Das sehe ich auch so. Da gab es eine massive Deregulierung, vorangetrieben von der rot-grünen Bundesregierung. Das war keine Entbürokratisierung, sondern dadurch wurden die Finanzmärkte entfesselt - wodurch dieses wahnsinnige Casino erst möglich wurde. Das passierte aber auf massiven Druck und unter großem Beifall der Wirtschaft. Oskar Lafontaine, der damals davor gewarnt hat, wurde zum gefährlichsten Mann Europas erklärt.

Was sollen Unternehmer machen, die in die Kreditklemme geraten?

WOLF: Wir haben die IBB bevollmächtigt, ihre Förderprogramme auf Betriebsmittelfinanzierung auszuweiten. Darüber hinaus gibt es den IBB-Liquiditätsfonds, der helfen soll, akute Finanzprobleme zu überbrücken.

Auch Brandenburg wird jetzt von Rot-Rot regiert. Gibt es einen neuen Anlauf zur Länderfusion?

WOLF: Für Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck stand das Thema bisher nicht auf der Tagesordnung. Solange das so ist, wird es keine Bewegung geben. Wir werden von Berlin aus die Wirtschaftskooperation vorantreiben und ich hoffe, dass ich mit meinem neuen Kollegen Christoffers zuletzt aufgetretene Probleme lösen kann.

SCHWEITZER: Wer sich ständig vor der Länderfusion wegduckt in dem Glauben, davon hätte nur Berlin etwas, der irrt: Auch Brandenburg würde davon profitieren. Man macht es sich zu leicht, eine Diskussion nicht zu führen, weil sie nicht auf der Agenda steht. Politik hat auch einen Gestaltungsauftrag.

Apropos gestalten: Herr Schweitzer, wenn Sie Wirtschaftssenator wären, was würden Sie zuerst tun?

SCHWEITZER: Ich bin aus tiefer Überzeugung Unternehmer. Es ist nicht mal ansatzweise mein Bedürfnis, in die Politik zu gehen. Zudem haben wir einen guten Wirtschaftssenator.

Herr Wolf, wo würden Sie den Hebel zuerst ansetzen, wenn Sie an der Spitze der Berliner IHK stünden?

Die Frage erübrigt sich. Herr Schweitzer hat ja gerade gesagt, er will seinen Job nicht abgeben ...







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