Interview mit Harald Wolf zum Thema „Corporate Social Responsibility“
(erschienen im “Glocalist Magazine” April 2008)
Was ist Ihr persönlicher Begriff von Nachhaltigkeit?
Mein
Begriff von Nachhaltigkeit unterscheidet sich nicht von dem, der
traditionellerweise verwendet wird: Nämlich bei jeglichem Tun und
Denken gleichzeitig auch die umwelt-, wirt-schafts- und
sozialverträglichen Wirkungen dessen mit einzubeziehen, wobei mir die
Chan-cengleichheit von Frauen und Männern ein besonderes Anliegen ist.
Nachhaltigkeit beinhal-tet den Gedanken, dass für kommende Generationen
eine lebenswerte Zukunft möglich sein muss. Und damit ist die Frage der
weltweiten Gerechtigkeit gestellt.
Ein Handlungsansatz ist die
Unterstützung einer sozial gerechten, ökologischen und fairen
Beschaffung in der Berliner Verwaltung. Das Investitions- und sonstige
Nachfragevolumen Berlins und seiner landeseigenen Unternehmen wird auf
4 bis 5 Mrd. EUR pro Jahr ge-schätzt. Es liegt deshalb auf der Hand,
Aufträge aus öffentlicher Hand unter Berücksichti-gung ökologischer,
sozialer und "fairer" Kriterien zu vergeben.
...
Von
elementarer Bedeutung ist für mich die Verbindung von Aktivitäten zur
Sicherstellung der Nachhaltigkeit mit Bildungsarbeit. Im Rahmen der
„UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ hat Berlin und haben
die Berliner Unternehmen viel zu bieten: Lernpartnerschaften zwischen
Schule und Betrieben oder auch das soziale Engagement vieler großer und
kleiner Unternehmen. Gemeinsam mit dem Nationalkomitee der Deutschen
UNESCO-Kommission, der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin
und Brandenburg e.V., der Handwerkskammer Berlin, Transfer-21 Berlin
und dem Entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationszentrum haben
wir im vergangenen Jahr Fachleute aus Bildung, Wirtschaft und
Verwaltung im Rahmen der UN-Dekade eingeladen, um den Beitrag der
Berliner Wirtschaft zu diesem weltweiten Bildungsprojekt durch
zahlreiche Präsentationen zu belegen:
Von Energiesparprojekten
über nachhaltige Mobilität, von der Gesundheitserziehung bis hin zum
Bau von Solarkochern und Bücherregalen aus Berliner Baumstämmen – die
Projekte zeigen: Berlins Unternehmen engagieren sich vielfältig und
kreativ für Bildung und Nachhal-tigkeit. Berlin unterstützte diese
Aktivitäten und lud ein, beste Beispiele aus der Praxis ken-nen zu
lernen. "Bildung für nachhaltige Entwicklung“ bedeutet: Schülerinnen,
Schülern und Auszubildenden die Kompetenzen zu vermitteln, die sie für
die sinnvolle Gestaltung ihrer und unserer Zukunft benötigen. ..
In
der internationalen Zusammenarbeit können wir zur Nachhaltigkeit durch
einen Erfah-rungsaustausch z.B. im Bereich der Ver- und Entsorgung
einer Metropole wie Berlin beitragen. So haben wir im Wassersektor in
Zusammenarbeit u.a. mit dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH und
der Technischen Universität Berlin die Internationalen
Wasser-konferenzen (IWC) zum Thema „Wasserprobleme in urbanen Räumen
und Lösungsansätze unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit“
[International Water Conference Berlin – Problems in Urban Areas and
Approaches to Solutions considering the Aspects of Sustainability “] in
den Jahren 2004 und 2007 durchgeführt. Im Jahr 2004 kamen 80
hochrangige Fachleute aus 30 Städten weltweit. Im Jahr 2007 nahmen 70
hochrangige Wasserexperten aus 24 Ländern aus dem Asiatisch Pazifischen
Raum teil. Informationen dazu finden Sie unter:
www.berlin.de/sen/wirtschaft/lez/staedte.html
Wohin soll Ihrer Meinung nach der Begriff Nachhaltigkeit konzeptionell weiterentwickelt werden?
Ich
halte den Nachhaltigkeitsdreiklang aus „Ökologie, Ökonomie und
Chancengleichheit“, mithilfe dessen eine Ressourcenschonung in einem
sehr weiten gesellschaftspolitischen Sinne realisiert werden soll, auch
für die Zukunft für ein sinnvolles Konzept. Bevor man darüber
nachdenkt, dieses für neue Aspekte zu öffnen, müssen wir es erst einmal
schaffen, den so definierten Gedanken in den Köpfen der Menschen zu
verankern – davon sind wir nämlich noch ein gutes Stück entfernt.
Welche
Maßnahmen setzt die Stadt Berlin zur Realisierung von CSR (Corporate
Social Responsibility) und Nachhaltigkeit in Zukunft?Ein
Beispiel: Zusammen mit der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und
Soziales habe ich im Herbst vergangenen Jahres eine Studie zum Thema
„CSR in kleinen und mittleren Berliner Unternehmen“ in Auftrag gegeben
– mit einem erfreulichen Ergebnis: 91% der befragten Unternehmen haben
sich schon mehrfach im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung
engagiert. 59% der Unternehmen tun dies regelmäßig. Fast die Hälfte der
Befragten sieht in der Tradition des Unternehmens den wichtigsten
Ansatzpunkt. Weitere wichtige Zielstellungen sind die Motivation und
Bindung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Steigerung der
unternehmerischen Reputation. Aufbauend auf den Ergebnissen der Studie
starten wir ein zweijähriges Pilotprojekt, in dessen Rahmen einige
ausgewählte Berliner Un-ternehmen befähigt werden sollen, eine
systematische CSR-Strategie für ihr Unternehmen zu entwickeln und
erfolgreich umzusetzen.
Wie sehen Sie die Frage "CSR - freiwillig oder per Gesetz?"Natürlich
funktionieren solche Konzepte immer am besten, wenn sie von den
Beteiligten aus freien Stücken initiiert, umgesetzt und gelebt werden.
Ich
denke, dass immer mehr Unternehmen feststellen werden, dass CSR keine
Modeerscheinung, sondern ein starkes Instrument für große und kleine
Unternehmen ist, die ihre Geschäftsprozesse nicht allein an der
Gewinnmaximierung orientieren wollen. Denn: Langfristig haben
Unternehmen eine bessere Chance, die bewusst soziale Belange von
Beschäftigten, den Schutz der Umwelt und die Interessen der gesamten
Gesellschaft bei ihrer unternehmerischen Tätigkeit berücksichtigen. Die
Studie hat gezeigt, dass gesellschaftliches Engagement von Berliner
Unternehmen bereits in vielen Wirtschaftsbereichen selbstverständlich
gelebt wird.
Übrigens ist Berlin – als erste Hauptstadt - seit
2006 Mitglied im „Global Compact“. Die Idee des Global Compact wurde
1999 von Kofi Annan auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert.
Kofi Annan: „Die Weltorganisation freut sich darauf, eine noch engere
Partner-schaft mit der Industrie aufzubauen und mit ihr zusammen die
Ziele zu erreichen, für die wir uns alle einsetzen: Frieden und
Wohlstand.“ Anfang 2006 hatten rund 2500 Wirtschaftsunternehmen den
Global Compact unterschrieben und sich damit zu den Zielen bekannt, die
international verkündeten Menschenrechte zu unterstützen. Dazu gehört
auch sicherzustellen, dass sie nicht bei Menschenrechtsverletzungen
mitwirken, Zwangsarbeit ausschließen, an der Abschaffung von
Kinderarbeit mitwirken, eine vorsorgende Haltung gegenüber
Umweltgefährdungen einnehmen und Initiativen zur Förderung größeren
Umweltbewusstseins ergreifen.
Wir arbeiten hier in Berlin – um
nur ein paar Stichworte zu nennen - an Projekten wie:
Quartiersmanagement, Islamdialog, Konsumverhalten urbaner Jugendlicher
oder öffentliche Ge-sundheitsvorsorge. Berlin lobt außerdem einen Preis
für innovative Integrationsprojekte aus.
Abseits nun der politischen Machbarkeit; was würden Sie sich in Bezug auf Nachhaltigkeit wünschen, welche sind Ihre Visionen?Nachhaltigkeit
hat immer etwas mit Langfristigkeit, Gerechtigkeit und einem Blick fürs
Ganze zu tun. Also: Nachhaltigkeit wird zu einem
gesellschaftspolitischen Ziel erklärt. Das Ergebnis drückt sich dann in
einer intakten Umwelt, einem Ressourcen schonenden Wachstum und einer
sozial gerechten Einkommensverteilung aus.
Ich arbeite daran, dass wir dieser Vision durch unser tägliches politisches Handeln so nahe wie möglich kommen können.