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Harald Wolf (Die Linke), Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen

Foto von Harald Wolf

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06.04.2008

„Corporate Social Responsibility“

Interview mit Harald Wolf

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Interview mit Harald Wolf zum Thema „Corporate Social Responsibility“

(erschienen im “Glocalist Magazine” April 2008)

Was ist Ihr persönlicher Begriff von Nachhaltigkeit?

Mein Begriff von Nachhaltigkeit unterscheidet sich nicht von dem, der traditionellerweise verwendet wird: Nämlich bei jeglichem Tun und Denken gleichzeitig auch die umwelt-, wirt-schafts- und sozialverträglichen Wirkungen dessen mit einzubeziehen, wobei mir die Chan-cengleichheit von Frauen und Männern ein besonderes Anliegen ist. Nachhaltigkeit beinhal-tet den Gedanken, dass für kommende Generationen eine lebenswerte Zukunft möglich sein muss. Und damit ist die Frage der weltweiten Gerechtigkeit gestellt.

Ein Handlungsansatz ist die Unterstützung einer sozial gerechten, ökologischen und fairen Beschaffung in der Berliner Verwaltung. Das Investitions- und sonstige Nachfragevolumen Berlins und seiner landeseigenen Unternehmen wird auf 4 bis 5 Mrd. EUR pro Jahr ge-schätzt. Es liegt deshalb auf der Hand, Aufträge aus öffentlicher Hand unter Berücksichti-gung ökologischer, sozialer und "fairer" Kriterien zu vergeben.
...
Von elementarer Bedeutung ist für mich die Verbindung von Aktivitäten zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit mit Bildungsarbeit. Im Rahmen der „UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ hat Berlin und haben die Berliner Unternehmen viel zu bieten: Lernpartnerschaften zwischen Schule und Betrieben oder auch das soziale Engagement vieler großer und kleiner Unternehmen. Gemeinsam mit dem Nationalkomitee der Deutschen UNESCO-Kommission, der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg e.V., der Handwerkskammer Berlin, Transfer-21 Berlin und dem Entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationszentrum haben wir im vergangenen Jahr Fachleute aus Bildung, Wirtschaft und Verwaltung im Rahmen der UN-Dekade eingeladen, um den Beitrag der Berliner Wirtschaft zu diesem weltweiten Bildungsprojekt durch zahlreiche Präsentationen zu belegen:

Von Energiesparprojekten über nachhaltige Mobilität, von der Gesundheitserziehung bis hin zum Bau von Solarkochern und Bücherregalen aus Berliner Baumstämmen – die Projekte zeigen: Berlins Unternehmen engagieren sich vielfältig und kreativ für Bildung und Nachhal-tigkeit. Berlin unterstützte diese Aktivitäten und lud ein, beste Beispiele aus der Praxis ken-nen zu lernen. "Bildung für nachhaltige Entwicklung“ bedeutet: Schülerinnen, Schülern und Auszubildenden die Kompetenzen zu vermitteln, die sie für die sinnvolle Gestaltung ihrer und unserer Zukunft benötigen. ..

In der internationalen Zusammenarbeit können wir zur Nachhaltigkeit durch einen Erfah-rungsaustausch z.B. im Bereich der Ver- und Entsorgung einer Metropole wie Berlin beitragen. So haben wir im Wassersektor in Zusammenarbeit u.a. mit dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH und der Technischen Universität Berlin die Internationalen Wasser-konferenzen (IWC) zum Thema „Wasserprobleme in urbanen Räumen und Lösungsansätze unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit“ [International Water Conference Berlin – Problems in Urban Areas and Approaches to Solutions considering the Aspects of Sustainability “] in den Jahren 2004 und 2007 durchgeführt. Im Jahr 2004 kamen 80 hochrangige Fachleute aus 30 Städten weltweit. Im Jahr 2007 nahmen 70 hochrangige Wasserexperten aus 24 Ländern aus dem Asiatisch Pazifischen Raum teil. Informationen dazu finden Sie unter: www.berlin.de/sen/wirtschaft/lez/staedte.html

Wohin soll Ihrer Meinung nach der Begriff Nachhaltigkeit konzeptionell weiterentwickelt werden?

Ich halte den Nachhaltigkeitsdreiklang aus „Ökologie, Ökonomie und Chancengleichheit“, mithilfe dessen eine Ressourcenschonung in einem sehr weiten gesellschaftspolitischen Sinne realisiert werden soll, auch für die Zukunft für ein sinnvolles Konzept. Bevor man darüber nachdenkt, dieses für neue Aspekte zu öffnen, müssen wir es erst einmal schaffen, den so definierten Gedanken in den Köpfen der Menschen zu verankern – davon sind wir nämlich noch ein gutes Stück entfernt.

Welche Maßnahmen setzt die Stadt Berlin zur Realisierung von CSR (Corporate Social Responsibility) und Nachhaltigkeit in Zukunft?

Ein Beispiel: Zusammen mit der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales habe ich im Herbst vergangenen Jahres eine Studie zum Thema „CSR in kleinen und mittleren Berliner Unternehmen“ in Auftrag gegeben – mit einem erfreulichen Ergebnis: 91% der befragten Unternehmen haben sich schon mehrfach im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung engagiert. 59% der Unternehmen tun dies regelmäßig. Fast die Hälfte der Befragten sieht in der Tradition des Unternehmens den wichtigsten Ansatzpunkt. Weitere wichtige Zielstellungen sind die Motivation und Bindung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Steigerung der unternehmerischen Reputation. Aufbauend auf den Ergebnissen der Studie starten wir ein zweijähriges Pilotprojekt, in dessen Rahmen einige ausgewählte Berliner Un-ternehmen befähigt werden sollen, eine systematische CSR-Strategie für ihr Unternehmen zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen.

Wie sehen Sie die Frage "CSR - freiwillig oder per Gesetz?"

Natürlich funktionieren solche Konzepte immer am besten, wenn sie von den Beteiligten aus freien Stücken initiiert, umgesetzt und gelebt werden.
Ich denke, dass immer mehr Unternehmen feststellen werden, dass CSR keine Modeerscheinung, sondern ein starkes Instrument für große und kleine Unternehmen ist, die ihre Geschäftsprozesse nicht allein an der Gewinnmaximierung orientieren wollen. Denn: Langfristig haben Unternehmen eine bessere Chance, die bewusst soziale Belange von Beschäftigten, den Schutz der Umwelt und die Interessen der gesamten Gesellschaft bei ihrer unternehmerischen Tätigkeit berücksichtigen. Die Studie hat gezeigt, dass gesellschaftliches Engagement von Berliner Unternehmen bereits in vielen Wirtschaftsbereichen selbstverständlich gelebt wird.

Übrigens ist Berlin – als erste Hauptstadt - seit 2006 Mitglied im „Global Compact“. Die Idee des Global Compact wurde 1999 von Kofi Annan auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert. Kofi Annan: „Die Weltorganisation freut sich darauf, eine noch engere Partner-schaft mit der Industrie aufzubauen und mit ihr zusammen die Ziele zu erreichen, für die wir uns alle einsetzen: Frieden und Wohlstand.“ Anfang 2006 hatten rund 2500 Wirtschaftsunternehmen den Global Compact unterschrieben und sich damit zu den Zielen bekannt, die international verkündeten Menschenrechte zu unterstützen. Dazu gehört auch sicherzustellen, dass sie nicht bei Menschenrechtsverletzungen mitwirken, Zwangsarbeit ausschließen, an der Abschaffung von Kinderarbeit mitwirken, eine vorsorgende Haltung gegenüber Umweltgefährdungen einnehmen und Initiativen zur Förderung größeren Umweltbewusstseins ergreifen.

Wir arbeiten hier in Berlin – um nur ein paar Stichworte zu nennen - an Projekten wie: Quartiersmanagement, Islamdialog, Konsumverhalten urbaner Jugendlicher oder öffentliche Ge-sundheitsvorsorge. Berlin lobt außerdem einen Preis für innovative Integrationsprojekte aus.

Abseits nun der politischen Machbarkeit; was würden Sie sich in Bezug auf Nachhaltigkeit wünschen, welche sind Ihre Visionen?

Nachhaltigkeit hat immer etwas mit Langfristigkeit, Gerechtigkeit und einem Blick fürs Ganze zu tun. Also: Nachhaltigkeit wird zu einem gesellschaftspolitischen Ziel erklärt. Das Ergebnis drückt sich dann in einer intakten Umwelt, einem Ressourcen schonenden Wachstum und einer sozial gerechten Einkommensverteilung aus.
Ich arbeite daran, dass wir dieser Vision durch unser tägliches politisches Handeln so nahe wie möglich kommen können.







Die Linke

Harald Wolf ist Spitzenkadidat der Linken Berlin zur Wahl zum Abgeordnetenhaus 2006 sowie Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen in Berlin.
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